Selbstfürsorge ohne Selbstoptimierung: Was brauche ich eigentlich gerade?
Selbstfürsorge klingt zunächst angenehm: Ruhe, Bewegung, gutes Essen, vielleicht eine Massage oder ein freier Nachmittag.
Doch auch Selbstfürsorge kann schnell zu einer weiteren Erwartung werden.
Ich müsste mehr meditieren.
Ich sollte früher schlafen.
Ich müsste besser auf mich achten.
Dann wird aus etwas, das entlasten sollte, eine weitere Aufgabe, die wir vermeintlich nicht gut genug erledigen.
Selbstfürsorge ist größer als Wellness
Selbstfürsorge bedeutet nicht nur, angenehme Dinge zu tun.
Die WHO fasst Self-Care deutlich breiter: Dazu gehören unter anderem Schlaf, Bewegung, Ernährung und soziale Verbindung, aber auch ein aktiver Umgang mit der eigenen Gesundheit und das Inanspruchnehmen professioneller Versorgung, wenn sie benötigt wird.
Manchmal ist Selbstfürsorge deshalb angenehm.
Manchmal ist sie unbequem.
Ein Arzttermin. Ein schwieriges Gespräch. Eine Pause, obwohl noch Arbeit übrig ist. Um Hilfe bitten. Eine Verabredung absagen. Oder eine Grenze setzen, obwohl jemand darüber enttäuscht sein könnte.
Was brauche ich, und was glaube ich, leisten zu müssen?
Viele Menschen sind sehr gut darin wahrzunehmen, was andere brauchen.
Die eigenen Bedürfnisse werden dagegen erst bemerkt, wenn die Erschöpfung bereits groß ist.
Dabei können Bedürfnisse sehr unterschiedlich sein:
Brauche ich gerade Ruhe oder Bewegung? Zeit allein oder Kontakt? Struktur oder weniger Verpflichtungen? Unterstützung oder einfach einen Moment ohne Verantwortung?
Nicht jedes Bedürfnis kann sofort erfüllt werden. Es überhaupt wahrzunehmen, schafft jedoch die Möglichkeit, bewusster damit umzugehen.
Selbstfürsorge findet nicht nur individuell statt
Auch dieser Punkt ist mir wichtig:
Nicht jede Belastung lässt sich durch bessere Selbstfürsorge lösen.
Wenn jemand dauerhaft zu viel Verantwortung trägt, keine ausreichende Unterstützung erhält oder unter belastenden Arbeits- oder Lebensbedingungen steht, kann die Antwort nicht einfach lauten: „Achten Sie besser auf sich.“
Dann kann Selbstfürsorge auch bedeuten, die Bedingungen zu hinterfragen.
Was kostet mich gerade dauerhaft Kraft? Was davon kann ich beeinflussen? Wo brauche ich Unterstützung? Und wo müsste sich tatsächlich etwas verändern?
Nicht noch besser funktionieren müssen
Selbstfürsorge sollte nicht dazu dienen, uns so weit zu optimieren, dass wir immer noch mehr Belastung aushalten können.
Sie kann vielmehr helfen, die eigenen Grenzen, Bedürfnisse und Ressourcen ernst zu nehmen.
Eine kleine Frage für heute:
Was brauche ich gerade tatsächlich, und nicht, was glaube ich eigentlich tun zu müssen?