Viele Menschen sprechen mit sich selbst auf eine Weise, wie sie niemals mit einem guten Freund oder einer guten Freundin sprechen würden.
„Das hätte ich besser machen müssen.“
„Warum bekomme ich das nicht hin?“
„Alle anderen schaffen viel mehr als ich.“
Ein gewisses Maß an Selbstreflexion kann hilfreich sein. Wenn die innere Stimme jedoch dauerhaft kritisch wird, kann sie gerade in ohnehin schwierigen Phasen zu einer zusätzlichen Belastung werden.
Selbstkritik fühlt sich manchmal hilfreich an
Hinter Selbstkritik steckt nicht immer nur Ablehnung der eigenen Person.
Manchmal erfüllt sie eine Funktion: Sie soll uns motivieren, Fehler verhindern oder dafür sorgen, dass wir Erwartungen erfüllen.
Der Gedanke dahinter lautet vielleicht:
„Wenn ich streng genug mit mir bin, werde ich besser.“
Kurzfristig kann dieser Druck tatsächlich dazu führen, dass wir weiterfunktionieren. Langfristig kann eine sehr kritische Haltung gegenüber uns selbst jedoch mit Scham, Selbstzweifeln und dem Gefühl verbunden sein, nie gut genug zu sein.
Schwierige Phasen verändern unseren Blick auf uns selbst
Wenn wir niedergeschlagen oder erschöpft sind, betrachten wir häufig nicht nur die aktuelle Situation negativer, sondern auch uns selbst.
Ein Fehler wird dann schnell zu „Ich bin unfähig“.
Ein schwieriger Tag zu „Ich bekomme gar nichts hin“.
Eine Absage zu „Ich bin nicht gut genug“.
In der kognitiven Verhaltenstherapie wird unter anderem betrachtet, wie solche automatischen Gedanken unsere Gefühle und unser Verhalten beeinflussen.
Dabei geht es nicht darum, negative Gedanken einfach durch positives Denken zu ersetzen.
Hilfreicher ist häufig die Frage:
Ist dieser Gedanke tatsächlich vollständig wahr, oder gibt es eine realistischere und hilfreichere Perspektive?
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich alles schönzureden
Eine freundlichere Haltung gegenüber sich selbst wird manchmal mit Nachsicht oder fehlendem Ehrgeiz verwechselt.
Selbstmitgefühl bedeutet jedoch nicht: „Alles ist egal und ich muss nichts verändern.“
Es bedeutet eher, Schwierigkeiten wahrzunehmen, ohne sich dafür zusätzlich abzuwerten.
Aus „Ich bin so unfähig“ könnte beispielsweise werden:
„Das ist gerade wirklich schwierig für mich. Was brauche ich, um den nächsten Schritt zu schaffen?“
Die Situation wird dadurch nicht schöngeredet. Aber die innere Haltung verändert sich.
Wie würden Sie mit einem anderen Menschen sprechen?
Eine einfache Reflexion kann helfen:
Stellen Sie sich vor, eine Person, die Ihnen wichtig ist, erzählt Ihnen genau das, was Sie gerade über sich selbst denken.
Was würden Sie dieser Person sagen?
Und anschließend:
Warum gelten für Sie selbst andere Regeln?
Das bedeutet nicht, jede Kritik an sich selbst abzulehnen. Manchmal haben wir tatsächlich einen Fehler gemacht oder möchten etwas verändern.
Der Unterschied liegt darin, ob die innere Stimme dabei konstruktiv oder abwertend ist.
Eine andere Beziehung zu sich selbst entwickeln
Starke Selbstkritik verschwindet selten dadurch, dass man sich einfach vornimmt, netter zu sich zu sein.
Psychologische Arbeit kann helfen, wiederkehrende Gedankenmuster zu erkennen, ihre Funktion zu verstehen und Schritt für Schritt eine realistischere und gleichzeitig mitfühlendere Haltung gegenüber sich selbst zu entwickeln.
Gerade in Phasen von Niedergeschlagenheit kann das wichtig sein. Denn wenn das Leben bereits schwer ist, muss die eigene innere Stimme nicht zusätzlich dagegen arbeiten.